Too much Future – Ostpunks und der Fall der Mauer

Sex Pistols Sex Pistols im Paradiso, Amsterdam 6.1.1977. CC BY-SA 3.0 NL Fotograf: Koen Suyk. In: Nationaal Archief, Den Haag

Mitunter komme ich über Umwege an meine Bücher. Nein, ich rede nicht von obskuren Abpressungsversuche zwielichtiger Gestallten und einer Buchmafia, ich meine Literaturempfehlungen. Letztens lese ich auf Lit Hub den Ausblick für den Herbst und stolpere über Burning Down the Haus: Punk Rock, Revolution, and the Fall of the Berlin Wall. Punk und DDR? Da klingelte was. Gab’s da nicht…? Doch da gab’s…! Bereits letztes Jahr 2017 hatte Tim Mohr sein erstes deutschsprachiges Buch veröffentlicht. Tim Mohr ist Amerikaner, daher die Betonung auf deutschsprachig. Es heißt Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Das Medienrauschen dazu habe ich mitbekommen, allerdings landete das Buch damals nicht bei mir im Regal. Nun, ein Jahr später erscheint die englische Ausgabe unter besagtem Titel und ich lese davon und erinnere mich und kaufe mir die deutsche Ausgabe. Umwege eben.

Tim Mohr – Stirb nicht im Warteraum der Zukunft

Tim Mohr, Amerikaner, Musikjournalist, mit Hunter S. Thompson befreundet (gewesen), spricht Französisch und Deutsch, hat Feuchtgebiete und Schossgebete ins Englische übertragen. Mitte der 90er arbeitet er als DJ in Berlin und erfährt mehr über die Clubs, die Aktivisten, die Punkszene und deren Wurzeln im Ost-Punk. Da wäre zum Beispiel die 15jährige Major, die in Teenizeitschriften erste Bilder der Sex Pistols sieht und den ranzigen Modestil übernimmt. Im Honecker Staat eine bewusste Provokation. Die Pistols spielen anfänglich einer größere Rolle. Erst ist Major ziemlich alleine. Es dauert bis sie andere Punks trifft. Viele von den neuen Bekanntschaften haben die Pistols im britischen Militärsender gehört. Doch die Lebenswirklichkeit zwischen Ost und West unterscheidet sich. Kritisiert man im Westen mit dem Spruch No Future das Gefühl permanent Leistung zu erbringen, um den eigenen Wert beweisen zu müssen, ist im Osten für alles gesorgt, wenn man sich nur anpasst, Too much Future. Eigene Bands entstehen. Sie sind laut, krachig und voller Rebellion. Politisch gibt es da die Mitsäufer, Freiheit und Freibier. Die Gemäßigten, die das System ändern und verbessern wollen. Und natürlich die Fundamentaloppositionellen. Burning down the Haus und lasst aus den Ruinen etwas gutes auferstehen.

Ich bin weder Punk, noch in der SBZ aufgewachsen. Mich treibt weder Wehmut noch Erinnerung. Ich habe das Buch aus Interesse gelesen. Und es ist interessant. Über das Leben in der DDR weiß man als Westler natürlich nicht alles. Grau. Eventuell schmutzig braun. Nein, so war es dann doch nicht. Nicht nur. Die Geschichte der Punker macht deutlich wie viel Angst der Staat vor nicht-Konformität hatte, wie hart er darauf reagierte, zeigt wie verzweifelt das Regime war. All das passierte gleich nebenan. Bei einem Punkt bin ich mir aber nicht so sicher: Brachten Punks die Mauer zum einstürzen? Ich schätze, die SED und die Planwirtschaft hatten ebenfalls einen guten Anteil daran.

Stirb nicht im Warteraum der Zukunft: Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer
Tim Mohr
Heyne 2017, € 19,99
ISBN 978-3453271272

Teilen: